Zweck der Zukunftsforschung

Der Zweck der Zukunftsforschung beruht also darin, sowohl mögliche, als auch wahrscheinliche sowie wünschbare Zukünfte zu entdecken oder zu erfinden und diese zu untersuchen und zu beurteilen. Den Zukunftsforscher interessiert also, was sein kann oder sein könnte (die Möglichkeiten), was sich unter den gegebenen Rahmenbedingungen ergeben würde (verhaltenskonstante Realisierung) und was sein sollte (das Wünschbare). Aufgrund dieser Überlegungen hat die Zukunftsforschung folgende fünf spezifische Aufgaben:

Der Zukunftsforscher beschreibt also Entwicklungen und die diesen zugrunde liegenden Rahmenbedingungen und entwickelt auf der Basis dieser beiden Ansätze ein Zukunftsbild, das sich aufgrund ihrer Entwicklung ergeben würde. Diese Überlegungen sind in den Kontext explizit dargestellter menschlicher Wertvorstellungen eingebettet, welche zur Beurteilung, ob die eine oder die andere Zukunft als wünschbar erscheint, herangezogen werden. In der Kombination von Wertvorstellungen und Rahmenbedingungen sowie den möglichen Konsequenzen alternativer Verhaltensweisen geht es letztlich um die Auswahl möglicher politischer Schritte, welche eine möglichst wünschbare Zukunft erreichen lassen. Diese fünf Aufgaben sind in hohem Maße miteinander vernetzt, es handelt sich gleichsam um die Fäden eines Gewebes, welches nur in der Gesamtheit Sinn ergibt.

Voraussetzung für sinnvolle Zukunftsbilder ist jedenfalls, dass der Forscher über eine kognitive Landkarte der physischen und gesellschaftlichen Realität verfügt, welche als derart exakt und vollständig bezeichnet werden kann, dass die relevanten Schlüsselfaktoren und Zusammenhänge klar erfasst sind. Mit ebensolcher Stringenz ist seine Unabhängigkeit zu fordern, weil andernfalls die Gefahr nicht von der Hand zu weisen ist, dass das Wünschbare mit dem Plausiblen gleichgesetzt wird. Wünschbare Zukünfte stellen immer eine subjektive Beurteilung dar, und die zum Erreichen dieses gewünschten Zustands notwendigen Entscheidungen fallen in aller Regel nicht aufgrund derartiger subjektiver Vorstellungen, sondern in unseren Ländern in einem demokratischen Prozess, welcher durchaus abweichende politische Schritte nicht nur als möglich, sondern eher als wahrscheinlich erscheinen lässt. Deshalb kann Szenarien, möglichen Zukunftsbildern also, keine Eintretenswahrscheinlichkeit zugemessen werden; auch die Fortsetzung bisheriger Verhaltensweisen hat keineswegs eine höhere Eintretenswahrscheinlichkeit als deren Änderung. So müssen beispielsweise demographische Szenarien für die Schweiz, welche die sich heute abzeichnenden Probleme der wachsenden Alterslast, der schrumpfenden Erwerbsbeteiligung oder bezüglich der sozialen Integration ausländischer Mitbewohner vollständig vermeidbar erscheinen lassen und kürzlich als wahrscheinlichste Variante dargestellt wurden, als reines – wie auch immer motiviertes - Wunschdenken bezeichnet werden, welches zugleich dazu verführt, die notwendigen politischen Schritte zur Minderung sich abzeichnender Probleme zu unterbinden - und das damit letztlich selbstverstärkend wirkt.

Gemäß Alvin Toffler bemühen sich die Zukunftsforscher darum, neue, alternative Bilder der Zukunft zu entwickeln: durch eine visionäre Untersuchung des Möglichen, die systematische Analyse des Wahrscheinlichen und die moralische Beurteilung des Wünschbaren. Der klaren Darstellung der Beurteilungskriterien, der Ziel- und Wertvorstellungen des Zukunftsforschers kommt dabei größte Bedeutung zu, wobei zwingend auf die Unabhängigkeit der Meinungsäußerung Wert zu legen ist. Dabei ist zu bedenken, dass solche Bilder ebenso wie Theorien auch dann ungemein nützlich sein können, wenn sie nicht in allen Punkten stimmen. Die im Mittelalter verfügbaren Weltkarten waren so ungenau, ja geradezu hoffnungslos falsch, dass man für diese heute nur ein geringschätziges Lächeln übrig hat. Die großen Entdeckungsreisenden hätten aber ohne diese Karten niemals die neue Welt gefunden. Auch die Landkarten der Zukunftsforscher werden höchstens ausnahmsweise im Nachhinein betrachtet genau sein. Dennoch vermitteln sie Anhaltspunkte zur Bewältigung der uns unaus- weichlich bevorstehenden Zukunft.

Literatur